WIRTSCHAFTSSPIEGEL – Ausgabe 4/2023

Thüringen 15 Foto: Torsten Laudien zu schade. Schon mit zwölf Jahren verdient er sich etwas dazu, indem er Teller abwäscht. Später wäscht er Autos. Warum auch immer, kurz vor dem Abitur bricht Tahsin Dag die Schule ab. Es zieht ihn in die große weite Welt. Die Rheinmetropole Köln wird sein neues Zuhause und bleibt es bis heute. Dort landet er in der Gastronomie. Kurze Zeit später leitet er bereits eine kleine Bar. Hier kommt er notwendigerweise in Kontakt mit der Getränkeindustrie. In seinem Falle ist es ein Konzern, der in unseren Breiten durch einen recht erfolgreichen Fußballverein bekannt ist. Hier beginnt das, was man heute gern als Mindset-Change bezeichnet – Tahsin Dag beginnt zu hinterfragen, was sich da um ihn tut. Er ist in dieser Zeit im Außendienst tätig und betreut Groß-Events. Seine „rote Brause“ gibt es nur in Dosen, die auf Paletten stehen und von Unmengen von PETFolie zusammengehalten werden. Bei 5,5 Milliarden Büchsen pro Jahr kann man nur schätzen, welche Menge Plastikmüll da anfällt – es ist jedenfalls unfassbar viel. Muss das sein? Es gibt doch andere Lösungen – die bekannteste ist der Eierkarton. Tahsin Dag stürzt sich in dieses Thema. „Mit Fantasie und Weitblick“, wie er heute sagt. Und dann lässt er sich im Gespräch doch nicht mehr bremsen. „Wir machen uns viel zu wenig Gedanken“, sagt er und geht noch einen Schritt weiter: „Wir denken nur bis zur Mülltonne“. Wir dürften den Bezug zu Umwelt und Natur nicht verlieren, in der Verpackungsindustrie sei das schon geschehen. Die weiteren unternehmerischen Schritte seien hier nur angerissen. Wenn wir vorhin schon den Tellerwäscher erwähnt haben, soll das nächste Klischee nicht ausbleiben: Tahsin Dag startete sein Unternehmen in einer Garage. Die weitere Entwicklung verlief auch nicht ohne Friktionen. Dag erzählt von einem japanischen Großkonzern, der ihn als möglicher Investor über den Tisch ziehen wollte und anderen Dingen mehr. Heute kann Tahsin Dag auf eine erfolgreiche Entwicklung seiner Ideen verweisen, PET und Glas durch pflanzliche Fasern als Verpackungsmaterialien abzulösen. Rund 70 Patente hält sein Unternehmen weltweit. Mit seinen Lösungen lassen sich nicht nur die Trays für Getränke herstellen, sondern zum Beispiel auch Tiegel für Cremes. Ein internationaler Produzent von Reinigungsmitteln verwendet mittlerweile Flaschen aus Hanf. Nutzhanf, den er bereits auf rund 2.000 Hektar Fläche in der Ukraine anbauen lässt. Irgendwann stellt sich die Frage, ob sein Werdegang auch etwas mit seiner persönlichen Biografie zu tun hat. „Ja“, sagt Tahsin Dag und wird für einen kurzen Moment nachdenklich. Dann erzählt er die Geschichte von seinem verstorbenen Vater, den er zur Beisetzung in das ostanatolische Heimatdorf Viransehir überführt hat. Hier hat er wieder erlebt, mit welch einfachen Mitteln die Menschen dort auskommen. Wie man zum Beispiel Pferdeäpfel nutzbringend verwenden kann. Und wie er von seinem letzten Geld am Flughafen Istanbul eine Tasche kaufte. Aufschrift: I love my planet. Und was heißt das jetzt alles? Ist Tahsin Dag das, was man hierzulande süffisant als Gutmensch bezeichnet? Da wird er technisch und grundsätzlich. „Wir müssen die Kreislaufwirtschaft neu denken“, sagt er. Wir müssten uns von herkömmlichen Systemen lösen. Und er sagt auch: „Ich bin Kapitalist. Ohne Profit gibt es kein Geld für die Umsetzung von Nachhaltigkeit.“ Und dann schiebt er noch einen Satz nach, den man öfter hört: „Die Menschen, die sich heute im Namen des Klimaschutzes auf Straßen festkleben, sollten ihre Zeit besser damit verbringen, nach nachhaltigen Problemlösungen zu suchen.“ Da gebe es genug zu tun. Bleibt am Ende noch die Frage nach dem Begriff Gigafactory. Er habe die Bezeichnung für sein Arnstädter Projekt lange vorher festgelegt, bevor Elon Musk seine Pläne öffentlich gemacht habe. Tahsin Dag ist so offen und überzeugend, dass man ihm das glauben mag. Kann ja sein, dass zwei Visionäre den gleichen Gedanken hatten. (tl) Das Credo von Tahsin Dag: Ohne Plastik ist es besser.

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